Donauschwäbische Kultur auch für alle Deutschen wichtig - Text von Stefan Teppert

15/12/2017

Donauschwäbische Kultur auch für alle Deutschen wichtig

Festakt zur Verleihung der 38. Donauschwäbischen Kulturpreise 2017 des Landes Baden-Württemberg an drei Persönlichkeiten aus dem Banat

Am Nachmittag des 29. November versammelte sich geistliche, politische und administrative Prominenz des Landes Baden-Württemberg zu einem Festakt im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen. Gekommen sind der ehemalige Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof emeritus Dr. Robert Zollitsch, geboren in Filipowa in der Batschka, Baden-Württembergs stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister Thomas Strobl, Ministerialdirigent Hellstern aus dem Innenministerium, die Leitende Ministerialrätin Dr. Christiane Meis, die Direktorin des Hauses der Heimat, Stuttgart, Frau Dr. Christine Absmeier, der Erste Bürgermeister von Sindelfingen Christian Gangl, Landtagsabgeordnete aus Stuttgart und andere prominente Persönlichkeiten, darunter die Generalkonsuln von Serbien, Kroatien und Ungarn.

Das Haus der Heimat Baden-Württemberg hatte zu einer Kulturpreisverleihung des Landes eingeladen, der Saal war voll besetzt, der Pianist Daniel Weiß und Dr. Catherine Yvonne Szoncso, Violine, leiteten mit dem Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms den feierlichen Nachmittag ein. In seiner Begrüßungsansprache wies der Jury-Vorsitzende Hans Vastag darauf hin, dass Donauschwaben wie Annemarie Ackermann, Joschka Fischer und Volker Kauder nicht nur in der Politik Deutschlands aktiv waren und sind, sondern Glanzleistungen auch in Wissenschaft und Kultur erbracht haben, wie die Nobelträger Herta Müller und Stefan Hell beweisen. Umgerechnet auf die Stärke der Bevölkerungsgruppe sei das einsame Weltspitze mit einem Nobelpreisträger auf 150.000 Banater Schwaben. Vastag nannte weitere herausragende Persönlichkeiten der Donauschwaben aus anderen Bereichen und bedankte sich schließlich bei der Landesregierung für die großzügige Unterstützung mit Patenschaften und Institutionen. Der stellvertretende Ministerpräsident von Baden-Württemberg Thomas Strobl hielt danach eine straffe, klarsichtige Festansprache, in der er die unverzichtbare kulturelle Eigenständigkeit der Donauschwaben innerhalb der gesamtdeutschen Szenerie betonte. Ein Musikstück von Oskar Rieding leitete über zu den Laudatoren für die drei Preisträger – allesamt donauschwäbischer Herkunft.

Rainer Goldhahn hielt die Laudatio auf die Trägerin des Hauptpreises Ilse Hehn. Sie kommt aus dem rumänischen Banat, absolvierte die Hochschule für Bildende Kunst in Temeswar und arbeitete danach als Gymnasiallehrerin für Kunst und Kunstgeschichte in Mediasch/Siebenbür-gen. 1993 übersiedelte sie in die Bundesrepublik Deutschland, ist Lyrikerin und Bildende Künstlerin, kombiniert ihre Gedichte gerne mit eigenen Gemälden, Grafiken, Collagen und Fotografien, erreicht dabei eine Spannweite von ihrer Vergangenheit in Rumänien bis in die bundesdeutsche und europaweite Gegenwart. Ihre neue Heimat Ulm, wo sie als Kunstpädagogin und Dozentin für Malerei tätig ist, empfiehlt sie anschaulich und kurzweilig in Bildern und Porträts der Größen dieser Stadt in Politik, Literatur und Wissenschaft. Auf Reisen sammelte die genaue Beobachterin Eindrücke in Lappland und Schottland, auf der Insel Samos, in Rom und der Bretagne, die sie zu eindringlichen, nahezu impressionistisch hingetupften Gedichten verarbeitet. Hehn war oder ist Mitglied des P.E.N., des „Rumänischen Schriftstellerverbandes“, der europäischen Autorenvereinigung „Die Kogge“, der „Esslinger Künstlergilde“ und der „Ulmer Autoren ’81“. Sie wurde in Rumänien und Deutschland ausgezeichnet, u. a. 1988 mit dem Bukarester Kinderbuchpreis, von der Künstlergilde Esslingen 2003 für ihre Lyrik, 2004 für ihre Prosa.

Der Förderpreis ging an Herbert-Werner Mühlroth, der sich als freiberuflicher Autor, Publizist und Dolmetscher besonders in Kultur vermittelnder Tätigkeit engagiert. Hans Vastag hielt die Laudatio auf den befreundeten Schriftsteller und Bildhauer, der mütterlicherseits mit dem Hatzfelder Dichter Peter Jung verwandt ist und sich für die Verbreitung und Vermittlung des deutschen, donauschwäbischen und rumänischen Kulturgutes einsetzt. Mühlroth studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Heidelberg und Berlin und machte 1990 seinen Abschluss als Magister Artium. Zu seinen bisher veröffentlichten Büchern gehören drei Gedichtbände, Erzählungen, Essays, Kriminalgeschichten, ein Roman mit dem Titel „Narr in Trance“, Werbetexte, Übersetzungen aus dem Rumänischen ins Deutsche und umgekehrt sowie ein Buch über die Erlebnisse bei seiner Flucht über die grüne Grenze aus Rumänien in den Westen. Nachdem er bereits 1996 das Rumänisch-Aromunische Wörterbuch des aromunischen Linguisten und Übersetzers Apostol N. Caciuperi herausgegeben hatte, edierte er 2011 in fünf Bänden dessen Werke. Mühlroths letzte Publikation trägt den Titel „Über einige meiner Autoren“ und versammelt aus 35 Jahren Kultur vermittelnder Tätigkeit exemplarische Lebensbilder, von denen nur Reiner Kunze, Mircea Eliade und Nikolaus Berwanger genannt seien.

Der Gymnasiallehrer Helmut Erwert wurde mit der „Ehrengabe“ des Kulturpreises ausgezeichnet, da er nach den Worten des Innenministers „zu den engagiertesten donauschwäbischen Persönlichkeiten aus dem ehemaligen Jugoslawien“ gehört. Erwert hat sich in unzähligen Abhandlungen, Referaten und in Büchern für seine Altheimat wie auch für seine Neuheimat engagiert, Letzteres, um sich in Bayern neu zu verwurzeln. Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse stellte er seinen eben erschienenen Banat-Roman vor und gab dem Filmemacher Thomas Dapper ein Interview dazu, das auf youTube ins Internet gelangt ist. Auf den Inhalt des Romans hätten exakt die Worte des Festredners Strobl gepasst, der gesagt hatte: „Die donauschwäbische Kultur ist auch für alle Deutschen wichtig: Sie macht Erfahrungen zugänglich, die ansonsten verborgen bleiben – etwa die von Flucht und Vertreibung, Zusammenpferchung in Internierungslagern unter unmenschlichen Bedingungen, Entbehrungen oder den mühevollen Aufbau eines neuen Lebens fern der vertrauten Heimat.“

Nicht die isolierte Rückschau, sondern der zukunftsträchtige Brückenschlag in verschiedene Richtungen sei Erwert wichtig, betonte Dr. Ingomar Senz, Historiker aus Deggendorf und Erwerts Laudator. Dies zeige sich erneut in seinem druckfrischen 326-seitigen Roman „Elli oder Die versprengte Zeit“, der beispielhaft auf beachtlichem literarischem Niveau die Genese von ethnischen Konflikten in der südosteuropäischen Provinz Banat erzähle. Erwert scheue sich nicht, heiße Eisen anzufassen, sei aber immer bemüht, der Wahrheit zu dienen. Die Gestaltung des Romantextes sei eine Aufgabe gewesen, so Senz wörtlich, „die den Allrounder Erwert als Meister des Wortes reizte, und es entstand der Roman, der liebevoll die bunte Welt von Alt-Weißkirchen/Bela Crkva schildert, aber auch deutlich werden lässt, dass jede Art von Ideologie auf einem Auge blind macht und somit zum ärgsten Feind von Friede und Ordnung wird“

Thomas Strobl gratulierte jedem der Preisträger, verlas die von Ministerpräsident Winfried Kretschmann unterschriebenen Urkunden und überreichte sie den geehrten Persönlichkeiten. Der zweite Satz aus Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ (Winter) bildete die Überleitung zum anschließenden Stehempfang im großen Festsaal des Hauses der Donauschwaben, wo die Gäste der Feierstunde in zwanglosen Gesprächen ihre Ideen mit der anwesenden politischen und geistlichen Prominenz austauschen konnten – eine Gelegenheit, die sich im Alltag eher selten bietet.

Besonders empfohlen:

Ilse Hehn: „In zehn Minuten reisen wir ab …“ Prosa und Lyrik sowie 46 Seiten Malerei, Collagen und Graphiken von Ilse Hehn. Cosmopolitan Art Verlag. Temeswar 2006. 200 Seiten. 25,99 Euro.

Herbert-Werner Mühlroth: Der Mond tanzt Tango. Gedichte. Edition Bärenklau (Rote Reihe Lyrik, Band 3). Oberkrämer 2015. 205 Seiten. 10.- Euro. Auch als eBook erhältlich.

Helmut Erwert: Elli oder Die versprengte Zeit. Roman. Patrimonium-Verlag. Heimbach/Eifel 2017. 324 Seiten. 14,80 Euro.


Stefan P. Teppert







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